Erziehung

Warum uns unsere Erziehung prägt

von Manuela Festl

Photo by Rod Long by unsplash

Erziehung

Erziehung heisst heute,

annehmen was war und gemeinsam neue Wege gehen

 

Als meine Großmutter, Jahrgang 1934, beim Stillen meiner großen Tochter zusah, hatten wir des öfteren folgendes Gespräch:

Sie: „Wie oft stillt du denn gerade?“
Ich: „Naja, wenn sie halt will. Ganz nach ihrem Bedarf, wenn sie es braucht. Im Schnitt alle 2 Stunden. Manchmal kommt sie erst nach 4 Stunden, manchmal nachts stündlich…Wenn sie wächst oder kränkelt, dann öfter, als wenn sie fit ist.“

Sie: „Alle 2 Stunden? Ach ja, früher war das anders. Ich weiß noch, da hieß es, man dürfe das Kind nur alle 4 Stunden stillen. Ich erinnere mich noch genau daran – wir haben *Elisabeth dann, weil sie nur noch geschrien hatte, in den Keller gestellt, damit die anderen nachts nicht von ihrem Geschrei aufwachten.“ 

Meine Großmutter hat die Bedürfnisse ihrer eigenen Tochter nach Nähe, Liebe, Zuwendung ignoriert.

Sie lächelte gequält, ließ Luft durch die Lippen gleiten, das „Zischen“ – „Naja, ist halt so. Schon vorbei.“ Aber vergessen? Nein.

Meine Oma tut mir heute noch unendlich leid dafür. Es hat ihr das Herz gebrochen, dass sie so gehandelt hat. Sie erinnert sich heute noch daran, mit ihren 85 Jahren. Aber das hat man so gesagt und so gemacht. Also hat man das eben durchgezogen. Zum Wohle des Kindes. Der Eltern. Aller – irgendwie.

“ Das hat man halt mal so gemacht!“

Woher kommt’s?

‚Man‘ war, neben ihres strengen christlichen Glaubens, eine Bestseller-Erziehungs-ratgeberin und Ärztin names Johanna Haarer. Sie hatte, ganz im Sinne und zur Zeit des NS-Regims, Mütter empfohlen, die Bedürfnisse ihres Kindes zu ignoriere, die Kinder damit „abzuhärten“, sie sollen „bindungs- und emotionsarm“ werden, dem Volke dienen (fürs Heer, natürlich)…was in Übrigen auch über Generationen hinweg funktionierte.

Kinder durften auf keinen Fall verwöhnt werden. Man sollte sie schreien und weinen lassen („das kräftigt die Lungen und härtet ab“), nur nicht tragen, stillen, wiegen – das Kind würde sich daran gewöhnen und die Eltern, sobald es seine Wirkung verstanden habe, tyrannisieren. Körper- und manchmal sogar Augenkontakt sollte vermieden werden. Kindern wurde wortwörtlich die Liebe entzogen, wenn sie nicht so waren, wie sie „sein sollten“.

Das Kind wurde behandelt wie ein Objekt, das man körperlich pflegte, ansonsten komplett in seinem Sein und Wesen zurückwiese, mit allen Möglichkeiten, die es gab. Meine Großeltern (1930er Jahrgänge) und wiederum meine Eltern (1960er Jahrgänge) erlebten eine bindungs- und emotionsarme, autoritäre Erziehung.

Die „Nachkriegsgenerationen“ (besonders die 1930er Großeltern) wurden mit jeder erdenklichen Form von Gewalt zu Gehorsam gezwungen und wuchsen in der Überzeugung auf, dass man sich Liebe verdienen müsse – hart, durch Pflichtbewusstsein. Die Elternrolle war „unantastbar“; auch die Rolle des christlichen Glaubens und damit die des Vaters hatten in dieser Zeit und auch noch später eine fundamentale Bedeutung, um Verhalten am Kind zur Züchtigung (Strafen) zu rechtfertigen.
Auch wenn die Bücher von Haarer in der Nachkriegszeit etwas „gemildert“ abgewandelt wurden, die Inhalte blieben doch gleich – auch in den 1960er Jahren, als meine Eltern geboren wurden. Man stillt eben nur alle 4 Stunden und lässt das Kind schreien, damit die Lungen was werden…Beziehungs- und Entwicklungsstörungen waren/sind die Folge.

Wie war und ist auch heute noch oft das „Bild der Eltern“?

  • Sie hatten immer Recht, es galt ihnen komplette Loyalität
  • Sie verstehen sich als Herrscher über das Kind
  • Um un-/gewünschtes Verhalten abzustellen/zu fördern war es „in Ordnung“ mit roher Gewalt, Demütigung, Missbrauch, Unterdrückung, Verboten, Härte, Kränkung oder Liebesentzug in seinen komplexen Variationen zu arbeiten – das mache Kinder stark und bereite sie angemessen auf das Leben vor
  • Sie vermittelten, dass Pflichtgefühl und Gehorsam Liebe erzeugen
  • Sie ordnen Verhalten nach richtig und falsch, gut und böse ein

Wie war und ist auch heute noch oft das „Bild vom Kind“?

  • Kinder entwickeln sich zu „schlechten Menschen“ ohne strenge Einflussnahme: mit allen Mitteln sollte das Kind zu respektvollen, ehrlichen und starken Menschen geformt werden
  • Kinder dürfen nicht unabhängig werden, sonst verlieren die Eltern an Macht
  • Kinder haben keine Rechte 
  • Kinder müssen Disziplin lernen, Konsequenzen für ihr Verhalten (und ihre Emotionen!) erfahren
  • Kinder sind mit ihrem Verhalten verantwortlich für das Verhalten der Eltern

Kinder lern(t)en also, dass sie

  • sich Liebe verdienen müssen oder gar keine verdient haben, wenn sie sich nicht auf gewünschte Weise verhielten
  • auf ihre Eltern nicht wütend sein durften
  • ihrem Schmerz keinen Ausdruck verleihen und kein Verhalten zeigen durften, das von den Eltern als störend empfunden wird

Warum du anders denken kannst?

Für Kinder, die diese Erfahrung machen, ist es nur schwer möglich, eine gleichwürdige, liebevolle und respektvolle Beziehung zu anderen und vor allem zu sich selbst aufzubauen. Sie haben gelernt, sich selbst zu unterdrücken, klein zu machen, nicht zu genügen, ihre Gefühle zu ignorieren und diese dann in anderer Weise „auszuleben“ (z.B. darin, dass sie genauso, wie sie es erlebten, mit „Schwächeren“ umgehen; anfällig für Drogen- und Alkoholkonsum etc.). Es fehlt ihnen an Vorbildern, von denen sie hätten lernen können, wie Bedürfnisse in gegenseitiger Achtsamkeit erfüllt werden, eigene Interessen durchgesetzt werden können, ohne zu verletzen. 

Natürlich hat sich „Erziehung“ in den letzten Jahrzehnten verändert! Die Geschichte der Erziehung ist komplex, die Begrifflichkeit wurde vielfach neu definiert.

Trotzdem: 

Auch heute noch ist die zugrundeliegende Denkweise, dass es „der Erziehende“ besser weiß, was gut und schlecht für ein Kind ist, und ihm durch ein Bewertungssystem, Belohnung und Bestrafung beigebracht werden muss, was richtig und falsch ist. So ist übrigens auch unser bestehendes Schulsystem aufgebaut, wohlwissend und wissenschaftlich fundiert nachgewiesen, dass der Prozess des Lernens ganz anders funktioniert…

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