Kommunikation

Beim Zuhören geht es um Haltung

Teil 1
von Manuela

Zuhören – das Fundament gleichwürdiger Beziehungen

Aktives Zuhören ist der Schlüssel zur Gleichwürdigkeit und Kommunikation auf Augenhöhe. Besonders wenn du das Gefühl hast, dass du dein Kind nicht erreichst. Wir alle kennen Situationen, in denen wir aneinandergeraten – weil jeder etwas anderes möchte. Besonders im hektischen Alltag reißt die Hutschnur schnell und wir verlieren die Geduld. In solchen Situationen ist es besonders wichtig, Ruhe zu bewahren und dich zu verbinden – mit dir und deinen Gedanken und mit deinem Gegenüber (durch Sprache).

Das klappt durch aktives Zuhören – einer Grundhaltung zum Gesprächspartner (egal welchen Alters) und einer Kommunikationstechnik.

Spoiler vorab: Es braucht Übung – denn in der Regel haben wir selbst nie gelernt wirklich zuzuhören. Was genau aktives Zuhören ist und wie du durch dieses Miteinander auf des Pudels Kern im Konflikt kommen kannst, erfährst du in diesem Artikel.

Alltagskonflikte verstehen

Du kennst sie, die Alltagssituationen mit Kind, in denen plötzlich „nichts mehr klappt“, die Kinder sich in die Haare kriegen oder du nur noch genervt bist, weil dein Kind schon wieder irgendwas bestimmtes will – oder nicht will (und du eigentlich eine dicke fette Pause brauchst und dich nach Stille sehnst).

Ja, auch ich kenne sie und erlebe sie tagtäglich – privat wie beruflich.

Zum Beispiel als meine Kinder und ich auf einem Spielplatz im Wald waren. Außer uns war noch ein Junge mit seinen Eltern dort. Er hatte ein Seil dabei, an dessen Enden Karabiner befestigt waren. Der Junge spielte damit und versuchte, Bäume miteinander zu verbinden.

Die Eltern wollten schon länger aufbrechen und sagten das dem Jungen mehrfach. Der Junge wollte offensichtlich in seinem Spiel bleiben. Dann verletzte er sich plötzlich. Von weitem sah es aus, als hätte er sich mit dem Karabiner den Finger gezwickt.
Die Kommunikation lief dann in etwa so:

Frau streichelt den Kopf eines Kindes

Miteinander aneinander vorbei

Vater und Mutter standen etwa fünf Meter von dem Jungen entfernt. Der Junge weinte.
Die Mutter sagte zum Vater: „Jetzt renn‘ doch hin! Hopp, schnell!“
Der Vater ging zum Sohn und entgegenete ihm: „Mensch, ich hab’s dir doch gesagt! Du sollst kommen, damit wir gehen können.“

Er trug den Jungen inklusive Seil und Karabiner zur Mutter.
„Du hättest schneller hinlaufen müssen, schau‘ dir doch mal an, wie er jetzt weint!“ (mehr zum Vorwurf findest du hier)
Der Junge weinte immer noch, vermutlich weil ihm der Finger weh tat.

Die Mutter setzte sich mit ihm auf eine Bank, schaute ihn an und sagte: „Scccchhhhh, ist ja guuuuut“. (Entspricht auch: „Ist doch nichts passiert…Nicht so schlimm…“)
Der Junge weinte daraufhin noch lauter (es ist ja was passiet!) und fing an zu schreien. Die Reaktion der Mama war:
„Jetzt hör auf so laut zu schreien, du bist nicht alleine hier im Wald“.

Ich und meine Töchter waren die einzigen die dort waren, aber die Situation war der Frau sichtlich peinlich. Der Vater beschloss dann: „So, wir fahren jetzt“. Er setzte den Jungen in den Fahrradanhänger und beschwichtigte ihn mit den Worten: „Wir fahren jetzt nach Hause, da gibt es dann eine Schokolade“.
Damit verließ die Familie fluchtartig den Spielplatz. Das Kind weinte immer noch.

Meine beiden Töchter schauten gespannt zu und kamen dann zu mir mit vielen Fragen: „Warum hat das Kind geweint? Warum sind die dann gegangen?“ 

Ja, das was ich meinen Töchtern erzählte, möchte ich dir nun auch erzählen.

Verbindung entsteht, wenn wir uns dem anderen zuwenden


Was genau ist da also passiert? Und wie hätten die Eltern einfühlsamer (mit sich, zueinander und zum Kind) sein können? Warum war es so schwierig und herausfordernd gewesen für alle drei Familienmitglieder?

Mama und Papa beschuldigten auf verschiedenen Ebenen. Zuerst sagte die Mutter dem Vater, er hätte schneller beim Kind sein sollen. Dann wird dem Kind ein ordentlicher Vorwurf (warum diese schwierig sind, liest du hier) gemacht mit den Worten: „Mensch, ich hab’s dir doch gesagt! Du sollst kommen, damit wir gehen können“.
Ein Kreis von Schuldzuweisungen beginnt:

1. die Mutter gibt dem Vater die Schuld, dass er nicht schneller lief
2. der Vater gibt die Schuld, nämlich „Schmerz“ zu empfinden (was er selbst möglicherweise ja empfindet), dem Sohn weiter
3. der Junge empfindet Scham, das Gefühl „etwas falsch gemacht“ zu haben und denkt vermutlich noch, dass etwas mit ihm und seinen Gefühlen nicht stimmt (Botschaft „Ist ja guuuut!“)

Ich gehe davon aus, dass dir solche Gespräche super bekannt vorkomme und du im Nachgang solcher Momente oft das Gefühl hast, dass sich keiner der Beteiligten gesehen, verstanden, oder fair behandelt gefühlt hat, richtig?

Ja, dem ist auch so. Deshalb kommt für alle diese Momente nun aktives Zuhören ins Spiel – eine Fertigkeit, die wir benötigen, um respekt- und liebevoll miteinander umzugehen.

Zuhören – ein Blick in die Kommunikationstheorie

Ja, Kommunikation und Sprache sind komplexe Angelegenheiten (und meine größte Freude bytheway); einfach weil wir Menschen mit Erfahrungen, Gedanken, Wünschen, Bedürfnissen, Werten und Gefühlen sind.
Das heißt, dass es für uns in Beziehungen unmöglich ist, rein auf Sachebene zu kommunizieren, weil wir immer auch persönliche Stellungnahme zum Anderen haben (wie die Frau zu ihrem Partner oben bei „Du hättest schneller hinlaufen müssen“ mit einem vorwurfsvollem Tonfall, einer bestimmten Handbewegung etc.)

Egal was ist – wir drücken uns also auf verschiedenen Ebenen aus und werden auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen und gehört.

Zuhören-Modelle

Aus kommunikationspsychologischer und linguistischer Perspektive gibt es verschiedene Zuhören-Modelle, die die Komplexität von Gesprächen verdeutlichen. Dazu gehört unter anderem das „Vier-Ohren-Modell“ von Schulz von Thun, das beschreibt, „auf welchem Ohr wir hören“ im Rahmen eines Gesprächs. 

Das aktive, empathische Zuhörens wurde geprägt durch den amerikanischen Psychologen Carl Roger und später von seinen Schülern Marshall Rosenberg und Thomas Gordon weiter herausgearbeitet.

Im Zentrum des aktiven Zuhörens und damit zwischenmenschlicher Beziehungen steht nämlich die Empathie und die Bejahung des Partner.

Frau tröstet Kind

Es geht um eine respektvolle Haltung zum Gesprächspartner…

Rosenberg spricht von der Idee des negativen „nach-außen-guckens“. Das heißt, ich bin nach außen gerichtet mit einer Schuldzuweisung. Ich kann mich aber auch negativ nach innen ausrichten und sagen: „Hätte ich doch früher darauf bestanden dass wir nach Hause gehen“.
Ich kann die Schuld nach außen geben, oder ich kann sie bei mir selbst suchen.

  1. Der Fokus ist negativ nach außen gerichtet: „Du bist schuld“
    Beim Mann und beim Kind „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass du aufpassen sollst“

    Für dich: Wenn du dich dabei erwischst, kannst du dich fragen: „Was passt gerade für mich nicht? Warum fühlt sich das komisch an in mir?“

  2. Der Fokus ist negativ nach innen gerichtet: „Ich bin schuld“
    Hier ist die Frage: „Was hätte ich gern anders gemacht rückblickend?“
  3. Der positive, empathische Fokus ist nach außen gerichtet: einfühlsames Verstehen: „Was braucht mein gegenüber genau?“ (Darum geht es!)
  4. Der positive Fokus ist nach innen gerichtet: „Ich hätte gewollt, dass…[Kommunikation von Bedürfnissen]“
    Also: Was brauche ich, was kann ich für mich tun?

…und nicht um Schuldzuweisung

Die Frage bzw. die Entscheidung ist immer: Sende und empfange ich mit Schuldzuweisung (negativ), oder sende und empfange ich auf der Frequenz von Gefühlen und Bedürfnissen (positiv, empathisch)?

Beim aktiven Zuhören, geht es genau darum:
Niemandem die Schuld zu geben, sondern einfühlsam mit dem anderen zu sein.

Positiv nach außen gerichtet zu sein und zu schauen: Was fühlt mein Gegenüber gerade?
Gleichzeitig ist es ebenfalls wichtig, nach innen gerichtet positiv zu sein.

In Wahrheit ist es nämlich egal, wer Schuld hat (vergiss gleich das Konzept Schuld – mehr dazu demnächst). Wichtiger ist es, dich auf die Situation zu konzentrieren, die JETZT gerade ist. Denn das ist das einzige, mit dem du arbeiten kannst und was euch weiterbringt. Durch Schuldzuweisungen war dem Jungen offensichtlich ja auch nicht geholfen ;).

Im Konflikt wählen

Wir haben im Konflikt, Streit, in der Auseinandersetzung – also immer dann, wenn zwei Menschen unterschiedliche Dinge wollen, immer die Wahl: Wir können

  • die Schuld weggeben (und uns auf die Vergangenheit oder Zukunft durch die Kraft unserer Gedanken fokussieren), ODER
  • empathisch reagieren (und das annehmen, was gerade ist).

Die Grundidee des aktiven Zuhörens ist genau das:

Ich erkenne das Gefühl des anderen und lasse mich darauf ein. Ich mache ihm erkenntlich, dass ich ihn verstehe. Das kann ich verbal oder nonverbal tun.

Fazit: Es geht darum, keine Schuldzuweisungen zu machen, niemanden zu verurteilen, zu beurteilen, oder zu bewerten. Stattdessen gilt: Schauen, was mein Gegenüber braucht und welche Gefühle gerade präsent sind.

Frau küsst Kinderhand

Warum aktives Zuhören wichtig ist?

Wenn Kinder weinen oder wütend sind, oder „nicht hören“, fällt es uns oft schwer, in der positiven Frequenz zu bleiben. Denn manchmal werden wir unbewusst davon getriggert. Wir wollen den Schmerz beenden, oder wollen, dass die Wut des Kindes aufhört. Daher versuchen wir manchmal krampfhaft, diesen Zustand zu beenden.

In diesem Moment sind wir aber nicht beim Kind, sondern bei uns selbst.
Ich will, dass das Kind aufhört zu weinen.

Klar wollen wir das, aber damit signalisieren wir dem Kind nicht, dass wir seinen Schmerz annehmen können. Genau das ist aber der Schlüssel. Die Situation anzunehmen wie sie ist und gemeinsam durchzugehen.

Naomi Aldorf sagt dazu: Es ist ein Heilungsprozess.

Und das ist es auch. Denn anzunehmen, dass das Kind weint und traurig ist, diese Trauer sein zu lassen, damit das Kind seine Wut oder Trauer spüren kann. Es durch unsere Kommunikation zu begleiten, damit es merkt: Okay, ich bin wütend, das ist in Ordnung und ich komme darüber hinweg.
Das ist eine wichtige Kompetenz, die Kinder damit entwickeln.

Sie heißt Resilienz! 

Resumée 

Das größte Geschenk, das wir Eltern unseren Kindern machen können, ist es, ihnen zu helfen, mit ihren Gefühlen umgehen zu lernen. Damit sie sie nicht herunterschlucken und die falschen Glaubenssätze verinnerlichen. Wenn dein Kind nicht auf dich hört, reflektiere mal: Hörst du deinem Kind zu und signalisierst ihm, dass du bei ihm bist?

Deshalb ist es so wichtig, dass wir als Eltern selbst wieder lernen, auf uns und unsere Gefühle zu schauen.
Auf unsere Triggerpunkte, unsere Gewohnheiten und unsere (negativen) Glaubenssätze.
Nur dann können wir die Resilienz und das Selbstwertgefühl unserer Kinder stärken.
Ihnen vermitteln, dass wir annehmen können, was es fühlt und das nichts daran falsch ist. Gefühle dürfen da sein. Bei Kindern und bei Erwachsenen. 

Mehr zum Thema „Zuhören“ findest du in Teil 2: Drei Tipps für aktives Zuhören im Alltag.
Wenn du noch mehr darüber erfahren möchtest, dann ist die Masterclass
„Wirklich zuhören – verstehen und verstanden“ für dich geeignet. Mehr dazu findest du hier.

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