Beziehung

Bindungstheorie

von Manuela

Bindung – die Basis der Entwicklung

Der Schmerz für mich war groß, als die Geburt meiner großen Tochter im sekundären Sectio endete, sie reanimiert und in ein anderes Krankenhaus verlegt werden musste.
Denn bereits in der Schwangerschaft war mir klar: Ich möchte meine Tochter nach der Geburt bei mir haben.

Den Moment des direkten ersten Kontakts nach der Geburt (Bonding), die erste intensive Beziehungserfahrung zwischen Mutter und Kind, die Entwicklung von Sicherheit und Urvertrauen, genießen können.

Doch es kam anders. Und doch war es tröstlich für mich zu wissen, dass Bonding und Bindung ein lebenslanger Prozess ist!

Was ist überhaupt Bindung?

Der Psychiater John Bowlby, der „Gründer“ der sogenannten Bindungstheorie, zeigte anfang des 20. Jahrhunderts, dass jedes Kind mit einem natürlichen (und überlebenswichtigen) Bindungsverhalten zur Welt kommt, das in der Regel von allen Eltern beantwortet wird.

Der Begriff der Bindung ist heute überhaupt nicht mehr weg zu denken. Viele wissenschaftliche Ergebnisse in der Säuglings- und Kleinkindforschung der letzten Jahrzehnte haben ergeben, dass die enge Interaktion zwischen Säugling und erster Bezugsperson (das ist i.d.R. die Mutter, muss aber nicht sein!) zu Prägungsvorgängen führt, die für das Kind lebensentscheidend sind.

In den Untersuchungen wurde deutlich, dass bereits Säuglinge aktiv kommunizieren und sich an ihre erste Bezugsperson binden.

Der Aufbau der sogenannten primären (Eltern-Kind-)Bindung (in unserer westlichen, industrialisierten Welt) beginnt bereits in den ersten Lebensmonaten und dauert bis etwa zum zweiten Lebensjahr. Danach entspannt sich das enge Bindungsverhalten: Kleinkinder werden für andere Sozialkontakte offener und streben zunehmend mehr nach Autonomie.

Das unsichtbare Band

Was Menschen brauchen, ist Nahrung, Zuwendung und Körperkontakt (Fürsorge). Gleichzeitig sind Kinder interessiert daran, die Umwelt, das Außen, den Ort, in dem es angekommen ist, kennenzulernen.

Sie haben „von Innen heraus“ daher den Drang zu entdecken, zu erforschen und sich in ihrem selbstbestimmten Tun Wissen über die Umwelt zu erwerben.
Der sichere Aufbau einer sozial-emotionalen Beziehung zu einzelnen Personen hat deshalb absolut notwendig für die Entwicklung des Kindes.

Um das zu ermöglichen hat die Natur die Bindungsbeziehung vorgesehen:

Es ist das „unsichtbare, elastische Band“, dass das Kind bei Unsicherheit immer wieder zur Bezugsperson (oder eben in die Gemeinschaft, das „Dorf“) zurück zieht. Im Übrigen gehen die Athropologen davon aus, dass der Mensch zu den „Kollektivbrütern“ gehört, also andere Personen außer der Mutter bei die Betreuung und Aufzucht der Kinder halfen.

Sichere Bindung gibt (Selbst-)Vertrauen

Kinder, die in einer sicheren Bindungsbeziehung(en) aufwachsen, erfahren im Miteinander mit der Bezugsperson eine feinfühlige, liebevolle und zuverlässige Fürsorge.

Deshalb traut sich das Kind im ersten Lebensjahr die Umwelt erkunden und weiß, dass der sichere Hafen, die Bindungsperson, nicht weit ist.

  • Klingelt es beispielsweise an der Tür, weint das Kind, fühlt es sich bedroht, angegriffen, erschrickt, ist müde – dann ist die Situation für das Kind belastet und es heftet sich an seine Bindungsperson, klammert, sucht Schutz und Nähe.
  • Sicheres Bindungsmuster: Fühlt sich das Kind sicher und kann die Mutter als sicheren Hafen für Trost und Beruhigung nutzen, dann kann es die Welt entdecken und erforschen.

Die Bindung zwischen Mutter und Kind hat langfristige Auswirkungen.

In der Bindungstheorie spricht man von dem Gleichgewicht aus Erkunden und Bindungsverhalten, das Mary Ainsworth später genauer untersuchte. Sie definierte vier verschiedene Bindungstypen (sicher, vermeidend-unsicher, ambivalent-unsicher und desorganisiert-desorientiert) und Bindungsphasen.

Im sogenannten „Fremd-Situations-Test“ lässt sich die sichere Bindung zwischen Bezugsperson und Kind erforschen.

Das Kind entwickelt, je nachdem wie die Bindungsperson mit ihm interagiert, ein inneres (Arbeits-)Modell: es entwickelt Erwartungen auf das Verhalten der Mutter und passt sein eigenes Verhalten an. 

Die Bindung zwischen Mutter und Kind hat langfristige Auswirkungen:
Dadurch, dass die Mutter ein Gespür für die Bedürfnisse des Kindes nach Bindung (Schutz und Sicherheit) oder Erkundung hat, fühlt sich 
das Kind nicht im Stich gelassen und kann dann auch Trennung überstehen. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach zunehmender Unabhängigkeit und Eigenverantwortung.

Im Vergleich zu „unsicher gebundenen Kindern“ sind „sicher gebundene“

  • oft offener und aufgeschlossener
  • kooperativer, wissbegieriger
  • verfügen über mehr Kreativität
  • haben eine längere Aufmerksamkeitsspanne
  • ein stärkeres Selbstwertgefühl und eine höhere Frustrationstoleranz (Ströber 2016: 122)

In jeder Interaktion lernen Kinder

In den letzten Jahrzehnten, beginnend in der „Dekade des Gehirns“ (1990er Jahre) befassen sich die Neurowissenschaftler ebenfalls intensiv mit dem Zusammenspiel von Bindung und der Entwicklung des (kindlichen) Gehirns. So konnte sie beispielsweise unter anderem zeigen, dass Lernen ein aktiver, beständiger und sich verändernder Prozess ist, der von vielen Faktoren beeinflusst wird:

So sind bereits Säuglinge in der Lage sich zu merken, welche Auswirkungen die frühkindliche Bindungsbeziehung hat: Das Kind lernt, wer ihm in schwierigen Situationen hilft, zur Seite steht und was es tun muss, damit es Unterstützung erhält. Die Bindungsperson wird immer mit „Belohnung“ (wenn es mir nicht gut geht und ich geh zu Mama, dann geht es mir wieder gut“) und Wohlgefühl assoziiert.

Außerdem ermöglicht die Bindungsbeziehung die Voraussetzung schlecht hin, um die Welt zu erkunden – also stressfrei zu lernen.

Nicht zu vergessen ist auch, dass die frühe Bindungsbeziehung die Grundlage bildet, dass die im Inneren des Kindes erzeugten Emotionen von der primären Bezugsperson erkannt und geäußert werden. Das Kind lernt, sich in den anderen hineinzuversetzen. Dadurch sind die Grundvoraussetzungen zur Bildung von Empathie gegeben.

Epigenetik: (Bindungs-)Erfahrungen verändern Gene

Ich bin immer wieder begeistert von den Neurowissenschaften, weil deren Ergebnisse und Einblicke unseren Blick auf den Menschen so komplett verändert.
Denn wohl wissend, dass das menschliche Gehirn mit etwa 20 Jahren ausgereift ist, ist also die Frage, was ein Kind bereits an Anlagen mitbringt (Gene) und was von außen (der Umwelt) beeinflusst wird (Epigenetik). Diese Anlage-Umwelt-Diskussion ist irre brisant und steckt in vielen Bereichen noch in den Kinderschuhen.

Trotzdem, was alle interessiert, ist die Frage:  Welchen konkreten Einfluss haben also Eltern, Bezugspersonen auf den Menschen? Und was, wenn der Einfluss groß ist? Wie „sollten“ wir uns dann verhalten?

(Bindungs-)Erfahrungen verändern die Gene

Die Idee, dass die Gene „Schuld“ daran sind, wie sich ein Mensch mit welchem Charakter entwickelt und eine Art unveränderliches Schicksal für diesen sind, ist schon lange überholt.

Die Epigentik selbst erforscht, wie sich Zelleigenschaften durch Erfahrung verändern und diese dann weitervererbt werden können.

„Man hat erkannt, dass genregulatorische, ‚epigentische‘ Mechanismen bestimmen, wann welche Gene aktiviert werden, und dass diese Vorgänge höchst individuell ausfallen können. Hier […] können auch vorgeburtliche und frühnachgeburtliche Einflüsse wirksam werden -ersteres über den Blutkreislauf der Mutter, letztere über das Verhalten der primären Bezugsperson.“ (Strüber 2016: 13)

Was heute klar ist:
Die genetischen Anlagen und die Umwelt (also Sozialisation und Erziehung) können nicht getrennt voneinander betrachtet werden.
Ganz im Gegenteil entwickeln sich Menschen durch das enge Zusammenspiel dergleichen!

„Genau genommen wäre es einem individuellen Neuron nicht möglich, zwischen „genetischen“ und „umweltbedingten“ Einflüssen zu unterscheiden. (Aamodt/Wang 2012: 57).

Die Lösung in der Anlage-Umwelt-Diskussion ist kein ‚entweder oder‘ sondern ein ’sowohl als auch‘.

So hat man beispielsweise in zahlreichen Untersuchungen gezeigt, dass die Art und Weise, wie sich bereits die Mutter während der Geburt fühlt und sich in den Jahren nach der Geburt verhält (sprich: wie hoch ist ihr Stresslevel, welche Hormone werden wann wie ausgeschüttet etc.), ausschlaggebend für die Entwicklung des Kindes und sein Verhalten ist.

Frühkindliche oder sogar vorgeburtliche Erfahrungen können damit also Spuren im Erbgut hinterlassen und sich auf den Gesundheitszustand des Kindes auswirken.

Ist also eine Frau beispielweise während der Schwangerschaft unter Stress, dann können diese  Erfahrungen der Mutter die kindliche Zelle prägen. Die bestimmen schließlich bei der Vererbung von Eigenschaften wie psychische Stabilität, Krankheitsauffälligkeiten und bestimmte Gewohnheiten mit!

Faktoren der Entwicklung

Natürlich sind engen Bindung- und Bezugspersonen für die Entwicklung des Kindes ausschlaggebend. Aber auch die epigentischen Prozesse (die im Detail noch lange nicht erforscht sind!) sind wichtig.

Nichtsdestotrotz ist es es das Kind selbst mit all seinen Potenzialen, das im eigenen Entwicklungsprozess das Wechselspiel bestimmt.

  • es ist aktiv und entwickelt sich aus sich heraus
  • es ist auch selektiv, das heißt es sucht nach bestimmten Erfahrungen gemäß seiner Interessen und Neigungen
  • das Kind bestimmt, was und wie viel es von den Umweltangeboten annehmen kann (je nach Entwicklungsstand)

Bindung und Entwicklung ist nichts, das zu einem bestimmten Zeitpunkt beendet ist, sondern ein lebenslanger Prozess.

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Weiterführende Literatur 

Aamodt, Sandra / Wang, Samuel (2012): Welcome to your child’s brain. München: C.H.Beck.

Becker-Stoll, Fabienne / Beckh, Kathrin / Berkic, Julia (2018): Bindung. Eine sichere Basis fürs Leben. München: Kösel Verlag

Epigentik – Spektrum der Wissenschaft: https://www.spektrum.de/thema/epigenetik/1191602, aufgerufen am 20. Februar 2020

Strüber, Nicole (2016): Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. Stuttgart: Klett Cotta Verlag.

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